Ferluzi harkte gerade das Unkraut aus den Gemüsebeeten hinter dem Pfarrhaus, als ihm in der lauen Frühlingsluft ein altvertrauter Duft in die Nase stieg. Es roch ein wenig nach verbrannter Katze und Atombombe mit Taschenpilzen.
„Da ist wohl eine Lieferung Stark-Hass in Bagnères eingetroffen. Riechst Du das auch, Uschilein?“ die Buschmann hob den Kopf aus dem Möhrenbeet und schnupperte mit ihrem Näschen in der Brise. „Ja, Du hast recht, ich rieche es auch. Hast Du denn in letzter Zeit jemanden getraut?“ fragte sie an einer Karotte knabbernd. Ferluzi blickte sie irritiert an, als ob er auf etwas wartete. „Uschi?“ setzte Uschi Buschmann noch hinzu. Der Kirchenmann überlegte kurz, musste die Frage seiner Haushälterin aber verneinen. Irgendwie schien ihm sein vertrauter Putzteufel verändert. Waren ihre Schneidezähne schon immer so lang gewesen? Das war ihm nie aufgefallen. Und dieser unerklärliche Appetit auf Karotten und Grünzeug. Waren das noch Auswirkungen der Sebetzung durch die Truppen Barny Mathieu 1er. Vielleicht ein Psychotrauma? Dr. med. Hammo soll sich das mal ansehen.

Währenddessen kam Lucy-Verena durchs Gartentor gestiefelt. Stolz wie Bolle ihre Eins im Erdkundetest schwenkend. Man war mächtig beeindruckt von dem kleinen Wunderkind und zur Belohnung durfte sie mit dem großen Beil die Türen von ein paar Nachbarhäusern einschlagen und Hundebabies quälen.
„Da kann man mal sehen, wie sich fürsorgliche Erziehung positiv auf die schulischen Leistungen auswirkt, nicht wahr Uschilein?“ aber Uschi steckte schon wieder bis über die Ohren im Gemüsebeet.
„Mein Erdkundelehrer, der Geramond, hat gesagt, daß er meine Antworten dem Onkel König schicken will, damit das Land viel besser wird,“ freute sich Lucy-Verena, während sie mit dem 15kg Wurfstern ein Wiesel von der Kirchenlinde schoss.

Ferluzi lächelte zärtlich über so viel Lebensfreude. Das könnte das Thema meiner nächsten Predigt sein, dachte er bei sich. Danach bekam er einen Krampf im Rücken und fiel vornüber in die Rabatten mit Zierpflanzen. (P)

En passant attackierte der arme, gebeutelte Vogel noch einige Schulkinder auf deren Heimweg als Kompensation, bevor er auf seinem Flug erneut den Marktplatz passierte. Doch die junge Frau, derer das Tier am Abend des Vortages gewahr geworden war, sie war verschunden. Verschwunden, aber nicht fort. Denn Susje Sutrichs, geb. Veroli, war zurück in der Stadt und die Stadt war zurück in ihr. Zur Abwechslung würde sie sich diesmal mit Pfarrer Ferluzi beschäftigen und nicht, wie sonst, mit Pfarrer Ferluzi. Der Gedanke an seinen Tod hatte die junge Schreinerin bei ihrem letzten Aufenthalt in Bagnères am Leben gehalten. So sehr verachtete sie diesen Ort, dass nur die Vorstellung eines geplanten Mordes ihr den nötigen Drive gab, morgens aufzustehen, Kaffee zu kochen usw. Wahr, aber traurig. Nichts tröstete sie in den endlosen, dunklen Stunden der Seele, nichts erlöste sie in der Qual der Zerrissenheit ihres Daseins als einzig und allein der Gedanke an ihr kindisches Rache-Szenario. Ihr Inneres war eine Lagerhalle, ein Hangar gefüllt mit Containern; auf denen stand ‚Hass‘. Unentwegt rauschten Lkw’s heran und brachten weitere Hasscontainer. Am Hafen legten Schiffe aus Übersee an mit neuer, frischer Hassfracht an Bord. Oder ein anderes Bild, hier komm‘, eins geht noch: Ihr ruheloser Geist war ein heißer, brodelnder Kessel, in den pausenlos und in rauen Mengen hochreaktive, hochexplosive chemische Stoffe und Verbindungen grob hineingeworfen wurden und der anschließend wild durchgeschüttelt und mehrmals auf den Boden fallen gelassen wurde, nachdem man ihn mit einen Deckel fest verschlossen hatte. Capisce?

Nun hatte das größte existierende Korrektiv für Pläne, Wünsche und Vorstellungen: die Realität, ihr nach mehreren gescheiterten Attentaten charmant vor Augen geführt, dass es eventuell schlauer wäre, diesmal eine neue Strategie zu verfolgen und Ferluzi auf andere Weise aus dem Weg zu räumen, und zwar, so schlussfolgerte sie zunächst, indem sie ihm seine Karriere zerstören und seinen Ruf ruinieren würde. Dieses Feuerwerk an Einfallsreichtum und Originalität hätte aber eine 180-Grad-Kehrtwende zurück zu ihren racheplantechnischen Anfängen bedeutet, die die junge Frau umtrieben, als sie damals hoffnungsfroh mit der Kutsche an diesem Schicksalsort eintraf.
Doch bei den Treffen der jüngst zusammen mit Jacqueline Dupont gegründeten Selbsthilfegruppe der ‚erfolglosen ehemaligen Ferluzi-Attentäterinnen‘ kamen der Südtirolerin wiederum Zweifel an der von der sogenannten ‚Realität‘ angeregten, eher defensiven Strategielinie des forcierten Karriereknicks. Nein, sie würde sich etwas Besonderes ausdenken für diesen renitenten Priester und seine debil-asoziale Familie. Etwas Einzigartiges, Herausragendes, Singuläres. Ein Grauen von solch exquisiter Rafinesse, dass selbst der zeitgenössische Verfasser von Schauergeschichten, Baron Abnor, vor Neid erblassen würde. Old school also.
Sie und ich, wir wissen, dass beide Varianten vollkommen lächerlich waren aus diversen Gründen, aber Susje wusste es nicht. Und das war gut so. Denn es ermöglichte ihr, den Alltag zu meistern, sprich: zu leben. Hätte sie gewusst, dass all unser Streben, unser Mühen und Wollen sinnlos ist, dann hätte sie vermutlich einen Strick genommen und sich am nächsten Baum erhängt. So aber, unwissend wie sie war, konnte sie LEBEN. Unsere Unwissenheit schützt uns vor der entsetzlichen Leere des Universums, vor dem Angesicht der Sinnlosigkeit aller Dinge. (S)

Mit einem inneren Blick auf die korrigierten Lösungen der drei Aufgaben in ihrem Kurzzeitgedächtnis endete ihre Heiterkeit jedenfalls ziemlich abrupt. „Meine Fresse, ist die Erde scheiß-kompliziert“, dachte sie sich insgeheim und wackelte nervös mit den Zehen. Dabei fiel die Katze zu Boden und starb per sofort an einer akuten Schweißvergiftung. „Morgen kommen sowieso andere Aufgaben dran“, gutglaubte Lucy-Verena unbeirrt und kramte im Dunkeln ein paar adäquate Wissensfragen aus ihrer Vorschul-Kindergartenzeit hervor, die sie unter einer Holzbohle aufbewahrte. „Wie heißt der Planet, auf dem wir leben?“, lautete vermutlich die erste Frage. „Na, ‚Lebeplanet‘ natürlich“, stieß es aus dem Kind stolz hervor. Die zweite Frage nach der Anzahl der Weltmeere auf der Erde beantwortete sie spontan mit ‚Meer als eins‘. Die dritte Frage, die irgendetwas mit Kontinenten zu tun haben schien, interessierte sie schon gar nicht mehr, da sie sowieso kaum etwas erkennen konnte und sich nun sicher genug für den kommenden Test fühlte. Mit einem ‚Odeur‘ aus verbrannten Bärenfell und Katzenverwesung in ihrer Nase glitt Lucy-Verena schließlich zufrieden in die endgültige Tiefschlafphase.

Frühmorgens am nächsten Tag erreichte die Schülerin erst gegen Mittag die Schule. Aufgrund ihrer Verspätung und einer mit Recht pessimistischen Einstellung bezüglich des Erdkundetests, der ja immerhin in die mündliche Note mit einfließt, war sie auf eine defensive Haltung geeicht und ging in Gedanken nochmal schnell die Waffensammlung in ihrem Schulranzen durch. „Fuck die Scheiße, ich habe die Würgehölzer vergessen!“, schoss es dem Mädchen durch den Kopf. Dann entsann sie sich aber schnell des 15 kg schweren ‚Morgensterns‘, den sie mit seiner Eisenkette ohnehin stets um den Hals trug. So konnte sie bei Bedarf einen ‚Rundumschlag‘ in ihrer Klasse vornehmen.

Als sie dort ankam war sie erleichtert, denn alle Schüler schwitzten noch über dem ach so wichtigen Test. Ihr Lehrer, kein Geringerer als der in die Jahre gekommene ‚Geramond Bonappetit‘, gönnte Lucy-Verena kaum einen Blick und schmiss entnervt die Aufgaben auf ihren Tisch. Schon beim Platznehmen gaffte sie neugierig auf die Fragestellungen und musste leidvoll erkennen, dass es die gleichen wie bei der letzten Klassenarbeit waren. Um sich zu beruhigen, schleuderte sie adrenalingeschwängert den Wurfstern gen Tafel, der brutal die Kreide zerfetzte und im Schwamm steckenblieb. Dann zog sie ihre Springerstiefel aus, woraufhin sich die Klasse zusehendst leerte. So konnte sie sich besonnen an die Beantwortung der Aufgaben heranmachen, in der Hoffnung, ihre frei erfundenen Lösungen würden sie diesmal aus der Scheiße reiten, ohne dass sie Gewalt anwenden müsse.

Zur ersten Frage nach dem Südtiroler Bodentypenschema und dem Unterschied zwischen den blöden zwei Gürteln schrieb sie, dass der Boden recht schematisch sei und es keinen Unterschied zwischen diesen Dingsda-Gürteln gäbe. Dann erklärte sie, die zweite Frage sei nicht zu beantworten, da es überhaupt keine Leitlinien der kaiserlichen Bodenkommission zur Nutzbarmachung der genannten Bodenstruktur gäbe. Die dritte Frage, von wegen ‚Nährstoffen‘ und ‚Nagellackentferner‘, beantwortete sie mit einem klaren ‚Ja, aber auch irgendwo wieder so gar nicht‘. Lange Rede, schwacher Sinn: ‚Geramond Bonappetit‘ war schlussendlich tierisch begeistert von Lucy-Verenas Leistung, was nicht nur ihren Baseball-Schläger und ihre Schlagringe verschonte, sondern auch ihren Glauben an den menschlichen Anstand nachhaltig beleben ließ.

Schließlich flog die junge Alpendohle, die sich während des ganzen beäugten Szenarios hammermäßig langweilte, enttäuscht von dannen. (H)

Lucy-Verena knipste die Öllampe aus und rollte sich im Bett zu ihrer Nahkampfwaffensammlung.
Lucy-V. : „Gute Nacht, lieber Wurfstern. Gute Nacht ihr lieben Schlagringe. Schlaf schön mein kleiner Baseball-Schläger und ihr auch, ihr treuen Nunchaku, meine geliebten Würgehölzer.
Wir sehen uns morgen wieder beim Erdkundetest.“

Die Nanni gähnte unüberhörbar und war bald eingenickt. Die Zigarette fiel ihr aus dem Mund und brannte ein Loch ins Bärenkostüm. Darunter schimmerte es metallisch. Wie Lametta zu Ostern, oder wie ein Messer beim Schlachter. Oder wie beim Hufschmied, wenn er den blanken Schmiedehammer auf den Ambos niederfahren lässt. Die Funken stieben in alle Richtungen, welche die Physik uns anbietet, wenn eine Hufeisenbestellung in der Mache ist. Dies beobachtete die Alpendohle von ihrem Platz in der Kastanie mit einem Auge, während sie mit dem anderen die Gästebucheintragungen in der Baumkrone durchlas.

Lucy-Verena war nun auch am Rande des Lummerlands angekommen. Dieser wunderbare Zustand zwischen Halbschlaf, Tiefschlaf und halluzinogenem Drogenrausch, den wir Erwachsenen tagtäglich in unserem Büroalltag erleben. Die kindliche Seele freilich, barg den Wunschtraum einer geliebten, verstandenen Erdkunde-1er-Schülerin in sich, die den ganzen Strebern in ihrer Schule mal so richtig „#*+f..§..~.“ heimleuchten würde. Vor sich sah sie noch einmal die Aufgaben der letzten Klassenarbeit, die sie so unglorios verkackt hatte.

Aufgabe 1: beschreiben Sie das Schema der Bodentypen Südtirols und erläutern Sie den Unterschied zwischen den Bodentypen des gemäßigten Gürtels und semiarider Gürtel.

Aufgabe 2: die Rohhumus und Torfbildung in tieferen Lagen feuchtkalter Alpentäler ist gekennzeichnet durch die Ausbildung von Tundrengleye und Grundwasserböden. Benennen Sie die drei Leitlinien der kaiserlichen Bodenkommission zur Nutzbarmachung dieser Bodenstruktur.

Aufgabe 3: Ist die Auswaschung von Nährstoffen in Tälern Südtirols mit kontinentalen Klima gering? Eignen sich Hanglagen für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben mit Schwerpunkt Herstellung von Nagellackentferner? Erörtern Sie die Fragestellung im Hinblick auf die bevorstehende Landratswahl.

Ein leises Schmunzeln legte sich auf Lucys Antlitz, das sich zum Kichern aufschwang und schließlich in lauter Heiterkeit endete. Der Grund war die Hauskatze ‚Nekogami’, der Familie Ferluzi. Sie saß am Fußende des Kinderbetts und leckte an Lucy-Verenas Zehen, die unter der Bettdecke herausschauten.

„Igitt, eine Katze. Der größte Feind des Vogels,“ dachte die junge Alpendohle und verließ ihren Platz in luftiger Höhe, um in Richtung Schule zu fliegen. (P)

Der Nachthimmel präsentierte sich sternenklar. Die Luft schmeckte frisch nach dem ersten Frühjahrssturm, dessen ungezügelte, unbändige Gewalt und Stärke sich am Ende des Tages noch nicht wesentlich gelegt hatten und der immer noch an den dicken Bohlentüren der Bewohner ruckelte, als fordere er Einlass, ein Bett und eine warme Mahlzeit, wie ein Reisender aus der Fremde. In der Ferne wanken noch einige Such-Zombies durch die Gegend, die den Heimweg nicht erkannten, auf dem sie sich doch eigentlich schon befanden. Crazy!
Mühe ihren Kurs zu halten hatte auch die junge Alpendohle, die von den unberechenbaren thermischen Auf- und Abwinden, die in diesem Bergkaff jederzeit ihre fatale Dynamik entfalten konnten, in der Luft hin- und hergeworfen wurde. Durch ihr struppiges Gefieder erblickte sie den leergefegten Marktplatz, sah als einzigen Menschen dort Susje Sutrichs (back in town again) im Kreis gehen und mit sich selbst sprechen. Aus nordöstlicher Richtung kommend überflog sie die Clinique St. Chelmi, sah durch ein Fenster Dr. med. Hammo, unrasiert und mit wirrem Haar, vor einer Schar orientierungsloser Neuzugänge stehen und eine Pfeife rauchen. Ein paar Häuserreihen weiter passierte der Vogel die Kutschenwaschstraße des Sepp Seppgruber, bis er schließlich auf der alten Kastanie im Kirchinnenhof eine Verschnaufpause einlegte. Für Alpendohlen nicht unüblich, dort zu verweilen und im Dohlen-Michelin mit fünf Sternen bewertet.
Das Licht der Öllampe im ersten Stock des Pfarrhauses spiegelte sich im Auge des schwarzen Tieres.
Dort lag Lucy-Verena in ihrem Bett, die Füße guckten am Bettende unter der Decke hervor, ihre Springerstiefel standen frisch gewienert neben der Tür und ihre Augen glänzten vor Ergriffenheit und heiligem Ernst, als sie folgende, selbstgedichtete Verse rezitierte:

„‚Ode an Jean-Claude Perdu‘ aus meinem Gedichtzyklus ‚Perdu, Jean-Claude‘:
Jean-Claude, ach, Jean-Claude.
Perdu, Perdu, Perdu.
O Perdu, du Mond am Firmament,
kalt und doch leuchtend hell,
umkreist du uns von fern her, lenkst die Gezeiten und läßt die Wölfe heulen.
Perdu, o Perdu, ewig fließend wie der Nihl,
der im Okawanga-Gebirge entspringt,
hinabfließt zu den Tälern des Biripasi-Waldes,
und über die endlosen Weiten der Gambesi-Ebene wandert,
der sich durch die grünen Hügel und sanften Anhöhen von Mntebbe schlängelt,
und sich bei den Fironga-Sümpfen zum Delta auffächert,
bevor sich seine Spur am Ende seines Weges im Meer von Atlantaris verliert.
O Jean-Claude, der du die Viehherden der Savanne tränkst
und die stolzen Krieger der Stämme Ktu, Utuk und Nbonge nährst.
Großer ewiger Strom, Quell des Lebens,
Ursprung und Vergehen.
O Perdu, du Unermesslicher, Unbegreiflicher.
Du bist der Glanz der aufgehenden Sonne. Wir verglühen in deinem Licht.“

Die Gestalt, die eben im Türrahmen erschienen war, wirkte im schwachen Schein der Öllampe geisterhaft und unwirklich. Sie machte einen Schritt in den Raum hinein auf das kleine Mädchen zu.
„Licht aus, Lucy-Verena!!! In zehn Minuten wird geschlafen und keine Widerrede! Morgen schreibt ihr eine Klassenarbeit in Erdkunde und da hattest du letztes Mal eine 5-.“
Die für den heutigen Abend gebuchte Nanni schwitzte fürchterlich in ihrem Bären-Kostüm vom ‚Baby, Cat & Dogsitter-Kostümverleih‘. (S)